Zur ärztlichen Versorgung in der Gemeinde Windeck

Dr. Wolf-Rüdiger Weisbach arbeitete über 40 Jahre als Landarzt in Herchen. Im Rahmen seiner Tätigkeit in verschiedenen Wahlämtern der Ärztekammer und Kassenärztlichen Vereinigung, u.a. als langjähriger Vorsitzender des Vorstandes der Ärztekammer Rhein-Sieg, engagiert er sich für die Verbesserung der hausärztlichen Versorgung in unserem Lande, speziell auch in Windeck. In seinem Beitrag beschreibt er zukünftige Veränderungen der ärztlichen Versorgung in unserer Gemeinde:

Arzt Versorgung

Bild: Wikimedia / Bill Branson

Windeck ist eine der wenigen Gemeinden im Rhein-Sieg- Kreis, die ausschließlich von Hausärzten ärztlich versorgt werden. Dies ist zu einem Problem geworden, weil insbesondere auf dem Lande ein zunehmender Ärztemangel zu beobachten ist. Gründe für dieses Problem anzuführen, kann nicht Aufgabe dieses Beitrages sein. An dieser Stelle sollen spezifische Probleme unseres „Ländchens“ angesprochen werden. Wie stellt sich die Lage im Windecker Ländchen dar? Noch sind in Windeck alle Praxen besetzt und ein Notstand für unsere Bevölkerung ist nicht direkt erkennbar. Allerdings hat bisher nur eine Arztpraxis einen direkten Nachfolger gefunden. Quasi „auf leisen Sohlen“ sind aber strukturelle Veränderungen bereits erkennbar: ortsübergreifende Gemeinschaftspraxen in Herchen und Schladern, Anschluss der Praxis in Leuscheid an ein Medizinisches Versorgungszentrum (MVZ) in Waldbröl. Eine Klärung dieser Begriffe scheint notwendig.

Ortsübergreifende Gemeinschaftspraxis: Seit einigen Jahren ist dies eine Versorgungsmöglichkeit im Bereich der niedergelassenen Ärzte. Ein Praxisinhaber mit Kassenzulassung kann eine „Filialpraxis“ in einem weiteren Ort gründen und einen angestellten Arzt dort (mit-) arbeiten lassen.

MVZ, eine neue Variante: Hausärzte und Fachärzte, ggf. medizinische Assistenzberufe (Physiotherapeut usw.) schließen sich zu einer Gemeinschaft zusammen, die auch die Möglichkeit hat, Filialpraxen in der Umgebung zu gründen bzw. etablierte Praxen zu übernehmen. Auch diese Gemeinschaftsform bietet den Vorteil, dass angestellte Ärzte/Ärztinnen in ihr arbeiten können.

Was bedeuten diese Veränderungen für unsere Gemeinde? In erster Linie eine Zukunftssicherung der ärztlichen Versorgung! Darüber sollten sich vor allem ältere Mitbewohner freuen. Aber auch für junge Menschen, die das Leben auf dem Land als alternative Wohnmöglichkeit zum teuren Leben in der Stadt bevorzugen, ist die ärztliche Versorgung ihrer Familien von grundlegender Bedeutung. Fakt ist aber, dass der Hausarzt, wie wir ihn über Jahrzehnte gewohnt waren, besonders auf dem Lande seltener werden wird. War er bis in die späten neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts für seine Patienten „rund um die Uhr“ erreichbar, eingebunden in ein regionales Vertretungssystem, das an Feiertagen den „Dörflern“ zur Verfügung stand, mussten in Anpassung an die heute geforderte Lebensqualität der XY-Generation Veränderungen eingeführt werden. Der Notfalldienst in den Praxen Waldbröl, Siegburg und in der Ambulanz des Eitorfer Krankenhauses hat sich entgegen allen Befürchtungen bewährt. So werden auch neue Strukturen der landärztlichen Versorgung akzeptiert werden (müssen!). Zunehmend werden in den Praxen junge Assistenzärzte tätig werden, hoch motivierte Frauen und Männer, die in der Regel eine Weiterbildung zum Arzt für Allgemeinmedizin absolvieren. Oder es sind Kolleginnen – Arzt ist ein Frauenberuf geworden – die eine Teilzeittätigkeit suchen, ohne die Verantwortung oder das Risiko der Selbstständigkeit tragen zu müssen. Sie finden auf dem Lande in den relativ großen Praxen eher einen Arbeitsplatz als in den Ballungsgebieten. Pendeln von Köln nach Windeck? Gute Bahnverbindungen schaffen hier optimale Voraussetzungen.

Noch ein Wort zur fachärztlichen Versorgung: Verständliche Rufe nach Fachärzten werden leider nicht erhört werden. Eine Facharztpraxis zu gründen, sie finanziell tragbar zu gestalten, setzt eine große Zahl von Patienten voraus, die in einer Gemeinde mit 20 000 Einwohnern nicht vorhanden sind. Hier sind Fachpraxen in Mittelzentren (Eitorf, Waldbröl, Altenkirchen) für unsere Bevölkerung Anlaufstelle. Denkbar wären aber Filialpraxen, in denen Fachärzte aus den Städten in unserer Gemeinde stunden- oder tageweise Sprechstunden abhalten. Eine solche Praxis (Kardiologie) wird z.Z. in Eitorf eingerichtet.

Was ist für das neu zu wählende „Parlament“, unseren Gemeinderat, im Hinblick auf die geschilderte und zu erwartende Situation zu tun? Im nächsten Jahr ist in Zusammenarbeit mit dem Institut für Hausarztmedizin der Uni Bonn und dem Autor eine Weiterbildungsveranstaltung von angehenden Hausärzten in Windeck geplant. U.a. soll die Lebensqualität ländlichen Wohnens dargestellt werden. Praxishospitationen sind geplant. Alle Möglichkeiten, junge Menschen in der Stadt auf die Vorteile des Lebens auf dem Lande hinzuweisen, müssen genutzt und verbessert werden. Familienfreundlichkeit hat bei Befragungen junger Ärzte oberste Priorität. Liebe zur Natur hat nur einen geringen Stellenwert bei der Arbeitsplatzwahl. Wie formulierte es der Schriftsteller Max Frisch: „Die Krise ist ein produktiver Zustand. Man muss ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen.“

Herchen, im März 2014
Dr. Wolf-Rüdiger Weisbach

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