Wenn ein Zug „Talent 2“ heißt…

Eigentlich hatten wir uns auf die neuen Züge auf der Siegstrecke gefreut, doch bei der Vorankündigung dieser Fahrzeuge der Baureihe 442
– eher bekannt als „Talent 2“ – war den Fahrgästen auf der Siegstrecke noch nicht klar, was da auf sie zukam. Wenig Talent bewiesen die Planer der Einsätze, so herrschte zunächst eine drangvolle Enge, weil diese Wagen überhaupt nicht an die Kapazität der bekannten Doppelstockzüge heranreichten. Der Spruch „Das Fahren in vollen Zügen genießen“ bekam plötzlich eine ganz neue Bedeutung. Der Gerechtigkeit halber sei aber gesagt, dass man auch in Doppelstockzügen schon gestanden hat. Der Sturm der Entrüstung entlud sich auch in vielen Leserbriefen in der Presse, wobei die Verantwortlichen immer beteuerten, mit so vielen Fahrgästen nicht gerechnet zu haben.

Talent 2 Zug Rhein-Sieg Windeck

Zu den Platzproblemen kamen dann auch noch Unzuverlässigkeit und fehlender Komfort hinzu. Am 30. Juli 2012 wurden die bis dahin eingesetzten Talent 2 Züge des Rhein-Sieg-Express zwischen Siegen und Aachen wieder aus dem Verkehr gezogen. An einigen Fahrzeugen
hatten sich Schrauben der Türen gelockert, welche sich aufgrund eines mitdrehenden Gewindes nicht mehr anziehen ließen. Daraufhin
wurden die Züge als Sicherheitsmaßnahme kurzfristig aus dem Fahrplan genommen und zu Bombardier in die Werkstatt geschickt. Nach
einer Woche wurden die Züge ab dem 5. August 2012 wieder eingesetzt.

Ohne immer meckern zu wollen, eines müsste aber selbstverständlich sein: Ein neues Fahrzeug sollte eine Verbesserung bringen, letztlich reden wir ja auch vom technischen Fortschritt. Hier hatten jedoch die Fahrgäste das Gefühl, dass es ein Rückschritt war. Der Sitzkomfort lässt ein gewisses KVB-Gefühl aufkommen, harte Polster und geringe Sitzabstände zwingen uns zu einer duldsamen Haltung. Dies ist aber auch kein Wunder, wenn man erfährt, dass diese Züge in anderen Regionen als S-Bahnen eingesetzt werden. Abfallbehälter ragten in den Sitzbereich hinein, und die Behebung dieses Missstandes wurde beim NVR als „Komfort steigernde Maßnahme“ verkauft! Die Gewerkschaft der Lokführer bemängelte im November 2012, dass die Arbeitsbedingungen für Lokführer im Talent 2 zu wünschen übrig ließen. So wurde die Qualität des Fahrersitzes bemängelt, die Dimensionierung der Führerraumheizung und -klimatisierung seien unzureichend und die Abdichtungen fehlerhaft, so dass Regenwasser eindringe und Windgeräusche zu hören seien. Da diese Fehler nicht zügig behoben werden konnten, wurden unter anderem von DB Regio Bayern an ihre Lokführer des Franken-Thüringen-Expresses lange Unterhosen und Heizdecken verteilt.

Der Nahverkehr Rheinland (NVR) ist in den Gebieten der beiden Verkehrsverbünde AVV und VRS seit dem 1.1.2008 für die Planung, den Betrieb und die Finanzierung der Verkehrsleistungen im SPNV sowie für die Investitionsförderung im ÖPNV und SPNV zuständig. Der Zweckverband Nahverkehr Rheinland entstand durch die Änderung des Gesetzes über den öffentlichen Nahverkehr in Nordrhein-Westfalen (ÖPNVG NRW) zum 1. Januar 2008. Der NVR bestellt die Zugleistungen, und die DB liefert sie in Form des Rhein-Sieg-Express (RSX).

Nach massiver Kritik reagierte die DB Regio AG mit einigen Maßnahmen, so z.B. der zusätzliche Einsatz von den bekannten  Doppelstockzügen und der Weiterführung der S13 bis Hennef. Nach Intervention durch die Verbandsversammlung des Nahverkehr Rheinland (NVR) sind von Seiten der DB Regio AG einige Sofortmaßnahmen umgesetzt worden: Ein fünfteiliger N-Wagenpark übernimmt seit Mitte Dezember im morgendlichen und abendlichen Berufsverkehr jeweils eine Verstärkerfahrt, ein zusätzlicher weiterer Doppelstockpark mit fünf Wagen sorgte kurz darauf ebenfalls für Entlastung auf der stark frequentierten Strecke. Welche Folgerungen sind aus dieser ganzen Geschichte zu ziehen, die nun wirklich kein Ruhmesblatt für alle Beteiligten darstellt? Unserer Meinung nach sind bei aller Notwendigkeit einer betriebswirtschaftlichen Sichtweise die Bedürfnisse der Fahrgäste bei künftigen Ausschreibungen zu beachten. Hierzu gehören ein Sitzabstand und eine Polsterung, die vor und nach acht Stunden Arbeit noch einen Anflug von Bequemlichkeit vermitteln und dem Körperbau eines normal gewachsenen Pendlers entsprechen. Bei der Ausschreibung, die in die Jahre 2006/07 zurückreicht, ist man angeblich von einer 20%-igen Fahrgaststeigerung ausgegangen, die dann übertroffen worden sei. Dieses Argument ist fragwürdig, wenn man sieht, dass Züge bestellt wurden, die durch ihre Bauart von vorne herein an die Möglichkeiten der Doppelstockzüge nicht heranreichen.

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