„Wir haben viel erreicht!“ – Bürgermeister Jürgen Funke zieht Bilanz

Anfang Oktober 2012 wird der Windecker Bürgermeister Jürgen Funke sein Amt aufgeben und in die Privatwirtschaft wechseln.
Jürgen Orthaus sprach mit ihm über Herausforderungen und Erfolge

Jürgen Funke, zum 1. Oktober 2012 geben Sie Ihr Bürgermeisteramt in Windeck auf und gehen in die Privatwirtschaft. Der Entschluss hat verständlicherweise viele überrascht. Und einige sind enttäuscht. Können Sie die Enttäuschung verstehen?

Nein, die Enttäuschung kann ich nicht verstehen. Ich war vor kurzem in Dattenfeld im Festzelt. Und von allen, die auf mich zukommen, ist regelmäßig die Botschaft: Schade für die Gemeinde, gute Arbeit, aber wir können das verstehen. Viel Erfolg für die Zukunft. Ich muss da in keinster Weise ein schlechtes Gewissen haben. Außerdem: Ich bin der am längsten amtierende hauptamtliche Bürgermeister, den Windeck je hatte. Ich war aber auch erst der Zweite.

Manche meinen, Sie stellen ihre Interessen über die der Gemeinde, was den Rücktritt angeht.

Das mag in gewisser Weise auch so sein. Ich kann nicht alles gleichzeitig machen. Man muss schon abwägen. Ein Bekannter, mit dem ich mich im Vorfeld verständigt und den ich gefragt habe, meinte: Der Job, der Dir angeboten wird, ist toll. Wann willst Du den machen? Im nächsten Leben? Und dann musste ich die Frage wahrheitsgemäß beantworten: Nein, eigentlich möchte ich den lieber vorher noch machen. Dann bleibt nur ein Zeitpunkt übrig, nämlich jetzt.

Und im Übrigen war es immer mein Ziel, irgendwann mal wieder zurück zu gehen in die freie Wirtschaft. Und dann ist die Frage, wann ist der richtige Zeitpunkt? Wenn man zu alt ist, ist es zu spät.

Aber warum ausgerechnet jetzt? Hätten Sie nicht bis zur Wahl warten können?

Vorstand zu werden bei einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, die bundesweit tätig ist, das ist ein Ringeltäubchen. Wenn einem so etwas auf dem Teller präsentiert wird oder man auch beworben wird, ein Amt anzunehmen, das man sich als Karrierekrönung vorstellt, dann muss man zugreifen. Das wird nicht jahrelang verwahrt. Später wäre das Angebot weg. Jetzt habe ich zugegriffen. Und jetzt ist die Entscheidung gefallen.

Ich habe mir natürlich auch die Frage gestellt, wie geht es hier weiter. Wir haben viel erreicht. Und wir werden durch das Stärkungspaktgesetz*), das wir noch im September unter meiner Leitung im Rat verabschieden werden, haushaltsmäßig in den nächsten Jahren in ein sehr enges Korsett gezwängt.

Wie gesagt, einige sind enttäuscht, dass Sie gehen. Enttäuscht aus gutem Grund: Sie haben hier ja eine erfolgreiche Arbeit geleistet. Was waren ihre größten Erfolge?

Ich denke, die größten Erfolge, die wir umgesetzt haben, waren: der Lückenschluss zwischen der K 7n und der L 147 nach Leuscheid. 20 Jahre ist hier nichts passiert. Wir haben einvernehmlich die Schullandschaft dahin gebracht, dass in allen Schulen Mittagsbetreuung oder Ganztagsbetreuung eingerichtet worden ist. Und jetzt haben wir sogar die Gesamtschule Windeck. Wir haben im Bereich der Kindergärten und Jugendarbeit alle Ziele erreicht, die wir uns vorgenommen haben. Und dann natürlich Strukturwandel, Natursteig Sieg, Kabelmetal, Regionale 2010 als Infrastrukturprojekte, die hoffentlich nachhaltig Impulse für Windeck setzen. Wir müssen die Schnittstelle finden für Gastronomie und Einzelhandel, dass Windeck weiter nach vorne kommt. Das muss aber die Privatwirtschaft richten. Das kann die Verwaltung nicht.

Wir würden einen Riesenschritt nach vorne machen, wenn wir das Einkaufszentrum, also die Projekte, wo wir einen Bauantrag schon vorliegen haben und das andere Projekt auch anstoßen.  Und zwar auf beiden Seiten der Bahn in Rosbach. Weil wir von Anfang an darauf aus waren, dass sie sich ergänzen, und nicht konfrontativ gegeneinander stehen. Das scheint jetzt auch zu gelingen. Das würde uns in Windeck ein großes Stück weiter bringen. Und uns auch mal in Augenhöhe heben mit Waldbröl, Eitorf oder anderen Kommunen.

Was waren Ihre größten Herausforderungen?

Meine größte Herausforderung war zunächst mal, einen Plan für Windeck zu entwickeln, dass man aus diesen ehemals drei Gemeinden wirklich emotional eine Gemeinde macht. Und auch Verständnis dafür entwickelt, dass man einzelne Elemente in einzelnen Ortsteilen umsetzen muss, damit ein Ganzes daraus wird. Da hat man über 30 Jahre lang eine Kirchturmspolitik betrieben. Ich habe 2004 ein Leitbild für die Gemeinde skizziert. Und das haben wir auch umgesetzt. Da findet sich jeder wieder.

Was war persönlich für Sie der größte Erfolg, das schönste Erlebnis?

Jetzt muss ich ein bisschen nachdenken. Es gab sehr viele schöne Erlebnisse. Für mich persönlich war das schönste Erlebnis die Wahl 2009. Weil durch dieses Wahlergebnis bei drei Kandidaten auch mal eine Bestätigung von der Bevölkerung zurückkommt.

Welche Baustellen lassen Sie zurück?

Aus meiner Sicht heraus haben wir die ganzen Sachen abgearbeitet. Regionale, Natursteig, Kanalsanierung, Ortsentwicklungskonzepte, Breitband. Die Jugendarbeit ist auf einem guten Weg. Es bleibt jetzt eigentlich nur noch nach der Verabschiedung des Stärkungspaktgesetzes *) die Frage, wie geht es mit unseren Stromnetzen weiter? Und da sind in meinem Kopf schon die entsprechenden Blaupausen entstanden. Die werde ich noch zu Papier bringen in der Hoffnung, dass mit dieser Gebrauchsanweisung die Fraktionen umgehen können, um sich dann selber das abschließende Bild zu machen, was der beste Weg für die Zukunft ist.

Sie übergeben so eine Art Handlungskonzept.

Ich werde ein Handlungskonzept übergeben. Das werde ich den Fraktionen mitteilen. Und dann muss letztlich selber entschieden werden, was zwischen Wollen, Dürfen und Können der beste Weg ist. Ich habe das alles abgewogen in Gesprächen.

Was ich als viel problematischer empfinde, als ich es mir vorgestellt hatte, das ist die Frage für die Partei einen Nachfolger zu finden.

Was muss Ihr Nachfolger oder Ihre Nachfolgerin an Qualitäten für das Amt mitbringen?

Ich glaube zunächst einmal: Auf Menschen zugehen und mit Menschen umgehen können. Es gibt immer wieder Streitigkeiten zwischen Bürgern, Personal, Verwaltung und Behörden. Ich fand das bemerkenswert, dass mir mal ein Ratsmitglied gesagt hat, dass es für ihn faszinierend war, dass selbst, wenn die Fraktionen mit unterschiedlicher politischer Meinung konfrontativ aufeinander zugegangen sind, wir meistens mit 95 % einvernehmlichen Beschlüssen rausgegangen sind. Man muss mit den Leuten umgehen können. Das ist das Schwierigste.

Und man muss juristisch versiert sein.

Es ist eine Mischung aus juristischem Wissen und dem Wissen der Abläufe in den Verwaltungen. Diese Leute wachsen nicht auf den Bäumen.

Wenn Sie gehen, bleiben Sie Windeck politisch erhalten?

Politisch zunächst mal nicht. Ich habe kein Ratsmandat. Ich bleibe natürlich der SPD erhalten. Und ich bleibe natürlich auch hier in Windeck wohnen. Und ich denke, wenn das eine oder andere Thema ansteht, werde ich mich auch informieren. Und ich würde mich auch einbringen.  Vielleicht gibt es ja auch die eine oder andere Sache, die ich aus meinem Erfahrungsschatz beitragen kann, vielleicht sogar bis ins Rathaus. Wenn man mich dann um Rat fragt, werde ich ihn geben.

 Also Sie gehen Windeck nicht ganz verloren.

Nein, ich gehe Windeck keinesfalls ganz verloren. Ich sitze nur nicht jeden Tag mehr im Rathaus.

Jürgen Funke, Ihnen alles Gute für die Zukunft und vielen Dank für das Gespräch.

*) Stärkungspakt: Dieses Programm der rot-grünen Regierung in NRW stellt den 34 Kommunen mit den größten finanziellen Problemen bis 2020 rund 5,8 Milliarden Euro zur Verfügung. Die Teilnahme am Pakt ist für diese Gemeinden zwingend. Sie bekommen Geld vom Land, müssen aber einen strikten Sparplan vorlegen und deutlich die Steuern erhöhen.

Kommentar verfassen